Wo ist Kyra?
Bericht arrangiert: Martin Portmann
Umstrittene Plastik in Biel nach fünf Jahren wieder aufgetaucht
«Kyra» ging zu weit. Doch früh schon gingen die Wogen auch hoch und die Plastikausstellung sorgte für Aufsehen. Im selben Jahr wurde eine Skulptur entfernt. Es handelte sich um die Bronzeskulptur von Max Weiss. Jemand empfand «Kyra – die grosse Liegende» als zu anstössig, Leserbriefe gingen ein. Ein paar Jahre später durfte sie wieder aus dem Depot hinaus in die freie Wildbahn der Stadt.
«Erregung öffentlichen Ärgernisses»
Nach fünfjähriger Verschollenheit ist eine berühmte Bielerin wieder in der Öffentlichkeit aufgetaucht: Die umstrittene Plastik «Kyra, des Bildhauers Max Weiss. «Kyra» erinnert an einen liegenden weiblichen Akt.
Die Plastik war im Sommer 1962 an der «3. Schweizerischen Plastik-Ausstellung im Freien» am Ufer des Bielersees ausgestellt und von der Stadt Biel auf Antrag der Kunstkommission angekauft worden. In einer Berner Tageszeitung wurde «Kyra» ‘als «obszön» bezeichnet, worauf der Generalprokurator des Kantons Bern durch die Kantonspolizei ein Ermittlungsverfahren einleitete, «Wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses» sollte gegen Aussteller oder Künstler gerichtlich vorgegangen werden. Das Verfahren wurde allerdings bald eingestellt, Trotzdem bekamen die Bieler Steuerzahler welche die Plastik schliesslich «berappt» hatten, den neuen städtischen Kunstbesitz nie zu Gesicht.
Im Bieler Stadtparlament. reichte nun ein Volksvertreter nach fünf Jahren eine Interpellation ein, deren Text an Kürze bisher wohl nie unterboten worden ist. Der Interpellant fragte kurz und knapp: «Wo ist Kyra?».
Der Bieler Gemeinderat gab zur Antwort, dass die 1962 angekaufte Plastik während fünf Jahren im städtischen Werkhof neben dem Material des Tiefbauamtes aufbewahrt worden sei. Vor einigen Tagen wurde nun ein «provisorischer Standort» für die liegende «Kyra» gefunden: Die umstrittene Dame steht nun vor dem Neubau des Hallenbades.
Neue Berner Zeitung, Band 48, Nummer 291, 13. Dezember 1967
Obszön!
Als der damalige Generalstaatsanwalt, Dr. Walter Loosli, diese Zeilen im Bund las, witterte er einen Skandal. Wenn so etwas ausgestellt war, in einer öffentlichen Anlage, zu der Kinder Zutritt haben, so war das nichts anderes als eine «Schweinerei».
An den Kommandanten der Kantonspolizei erging der Auftrag, von der skandalösen Plastik seien sofort Bilder zu beschaffen. So berichtete unter anderem damals die Seeländer Volkszeitung von diesem Vorfall.
Die bronzene Dame, welche1962 für Aufregung sorgte und so ungewollt auch Reklame für die Plastikausstellung in Biel machte, trägt den Namen «Kyra» und ist ein Werk des im Tessin lebenden Bildhauers Max Weiss.
Max Weiss mag sich noch gut an jene Zeit erinnern und kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken
Die Aufregung um «die Kyra» ist eine gute Reklame!
Justus Imfeld begeisterte sich für moderne Kunst. Er war Präsident der städtischen Kunstkommission und organsierte mehrmals die Schweizer Plastikausstellung in Biel. Er liess sich nicht beirren und nahm Stellung in Interviews und Artikeln und freute sich insgeheim. Die Aufregung um «die Kyra» ist eine gute Reklame für die Bieler Plastikausstellung.
Zum Künstler Max Weiss schrieb er in einem Artikel vom 14. Juli 1962:
«Der Künstler denkt nicht daran, uns zu gefallen, Wünsche nach Erschaffung von Schönheit und nach allgemeiner Anerkennung sind ihm fremd, die Idee, zur Dekoration eines gepflegten Gartens beizutragen ist ihm ein Gräuel. Der echte Bildhauer ist der Neugestalter der Materie und des Raumes, ein wahrer Prometheus, im ewigen Zwiegespräch mit der Zeit, in der er lebt.»