Die Persönlichkeit und sein Werk
Text: Peter F. Althaus
Jedes Kunstwerk ist Ausdruck der Haltung einer künstlerischen, also besonders empfindsamen Persönlichkeit gegenüber ihrer visuell erfassten, erlebten, erahnten oder ermessenen Umwelt.
Ein Maler gestaltet seinen «geistigen Plan», der seine Uniwelts-vision in Form und Farbe umsetzt und vom Betrachter die Rückumsetzung vom Plan zum geistigen Bild verlangt.Der Plastiker aber muss auf das Transzendente, die Vieldeutigkeit eines Planes verzichten können, denn er schafft ein Ding, das der Umwelt selber ausgesetzt ist und in ihr bestehen muss wie der Künstler selber in seinem Leben.
Wir Menschen werden ja als ein rundes Ungeformtes ausgesetzt, und das Leben erst schafft in allmählichem Abschliff die reale Form unseres Charakters, unseres Kerns heraus -- für den Plastiker gilt es, diesen Kern von innen her aufzubauen und ihm Grenzen zu geben, die dem unerbittlichen Raum ringsum Widerstand bieten können.
Was mich an der Persönlichkeit und am Werk des Bildhauers Max Weiss fasziniert, ist gerade sein besessenes, manchmal sogar fast noch unbeholfenes, verbissenes Streben, Dinge zu schaffen, die seine eigene dramatische Auffassung vom Leben enthalten und in intensivster Übereinstimmung zu seiner Wesensart und seiner Entwicklung stehen. Der Weg zum Kern der Dinge beginnt bei uns allen mit der Sehnsucht nach dem «Urleben», dem Primitiven, dem Unmittelbaren.
Nicht zufällig ist Max Weiss — in Stadtnähe geboren und aufgewachsen — der Stadt und ihrem bequemen, satten Leben geflohen und hat sich in einer kaum idyllisch zu nennenden Gegend der Südschweiz (Tessin) eingehorstet, wo die Kargheit und Wildheit der Landschaft und ihrer Bewohner seiner Auffassung vom Lebensraum entspricht. Weiss braucht eine natürliche Umwelt, mit der er sich sinnlich auseinandersetzen, die er mit Schritten durchmessen, die ihn ermüden und erwärmen kann. Weiss umgibt sich mit Tieren, zu denen er keine sentimentale «Herr-Haustier»- Beziehung hat, sondern die ihn durch ihre freche, ursprüngliche Kraft begeistern; die er vielleicht sogar um ihre natürliche Verbundenheit mit dem «Urleben» beneidet.
Für Max Weiss ist das Lebenheroisch und dramatisch. Er begeistert sich (übrigens auch in der Literatur) für die Menschen, die in direktem Kontakt mit dem Leben stehen; er erzählt von Tieren, von irischen Jagden, von italienischen Schmugglern, von Kosaken und spanischen Zigeunern.
Seine Figur und sein Gesicht sind klar, gedrungen und stark, sein Gang wie seine Sprache breit und kraftbetont, immer zu einem besonderen Nachdruck, zu einer besonderen Betonung bereit.
Wenn ich so den Künstler zu schildern versuche, spreche ich auch von seinem Werk. Max Weiss schafft Archaisches, Urhaftes; er liebt das Heroische, manchmal fast im besten Sinn Pathetische, ohne aber der Gefahr des Manierierten, Posierenden zu verfallen.
Drei Hauptgruppen seiner Werke bezeichnen drei mögliche Lebenshaltungen: Tiere in ihrem selbstverständlichen, in sich ruhenden Sein — Frauen als die sich Darbietenden, Empfangenden, An- und Erregenden und männliche Figuren als die sich bewusst dem gefährlichen Leben Stellenden.
Einfach und in einem gewissen Sinn vielleicht sogar naiv erscheinen diese Typisierungen; aber ist nicht der Verzicht auf allzuweit -gehende Differenzierung, der Zug zum Zusammenfassenden ursprüngliches Kennzeichen aller wirklich monumentalen Plastik.
So kann Weiss auf jegliches Illustrieren und Beschreiben verzichten. Umso wesentlicher ist aber Aufbau der plastischen Formung aus logisch, statisch und doch lebendig sich durchdringenden Volumenteilen und deren Begrenzung gegen den Um-Raum.
Max Weiss zeigt mir den Ausblick aus seinem Atelier auf die winterlich kahlen Hügel und Vorgebirge — die Sicherheit und Gewalt dieser Tektonik sind zweifellos ein wichtiger, strenger Massstab für seine Suche nach nicht konstruierten, sondern tektonisch aufgebauten, lebendigen Körpern.
Geboren 1921 in Emmenbrücke (bei Luzern), strebte Max Weiss bezeichnenderweise zuerst nach dem Beruf eines Agronomen; seine “Ichsuche” führte ihn jedoch bald in eine Steinhauerlehre an der Kunstgewerbeschule Luzern; eine Verletzung im Militärdienst zu einer längeren Kur ins Wallis und schliesslich ins Tessin, wo er sich 1945 in Tremona niederliess. Die frühsten Arbeiten, die als selbständige Werke gelten dürfen, stellen Tiere dar (Stier, Pferd, Hirsch, Katze, Fasan), die aus runden, eleganten, ineinanderlaufenden Formelementen bestehen, deren Oberfläche geglättet ist und deren Extremitäten erst gegen den Körper hin Volumen erhalten; eine Formulierung, die im Bestreben gefunden wurde, freie, vom Stand fast unabhängige Körper in den Raum zu stellen, was erst bei den neueren Werken wie dem nun nicht mehr in den Raum eingebetteten, sondern ihn als autonomes Formwesen verdrängenden «Elch» von 1961/1962 wirklich ausgereift und zwingend erscheint.
Bei den Frauendarstellungen ist die «barbarische Venus» von 1955 schon der gross gesehene, in freier Sinnlichkeit machtvolle Frauentyp; in späteren Figuren verliert sich die Pose, und die innere Spannung wird immer stärker ins wirklich Plastische übersetzt, das vielleicht in den in fast wildem Rhythmus sich durchdringenden Rundvolumen und Einschnürungen der «Kyra» (1961) oder den nun ganz von unten und innen her sich aufwölbenden Massen der «Bellissima» (1968) am eindrücklichsten durchgestaltet erscheint. Der «Pan» von 1960 wirkt durch das harte Aufeinanderstossen der kleinen Quader und der grossen Körperform; im «Torso» (1962), im «Koloss» (1962/63) und in der «Tierblume» (1968), den wohl durchgeistigtsten Arbeiten des Künstlers, ist diese Härte und Kraft in einer gewaltigen, von innen her «erregten» Form zusammengefasst.
Seine Vitalität, seine Liebe zum Dynamischen gestaltet Max Weiss nicht durch die Bewegtheit (die man ungegenständlich lösen müsste), sondern im besten Sinn seinem schweizerischen Wesen entsprechend in der konzentrierten, gespannten Ballung der volumenschaffenden Kräfte.
Peter F. Althaus