Feuerpferde kommen zur Welt

Text: von Karl Lüönd (Luzerner/Zuger Tagblatt, Samstag, 9. Juni 1973)
Bericht arrangiert: Martin Portmann

Wie die bedeutende Grossplastik von Max Weiss beim Zentrum Gersag in Emmenbrücke entstanden ist

Da steht nun seit Mittwoch (6. Juni 1973) dieser Woche der mächtige, bronzebraune Mocken vor dem Saalbau des Zentrums Gersag und fordert zu Betrachtung, Besinnung und Widerspruch heraus: «Feuerpferde», Bronzeplastik von Max Weiss (Tremona), Ausmasse eines kleinen Ferienhauses, Geburtstagsgeschenk der Baufirma Anliker an ihre Standortgemeinde.

Der sensible Betrachter wird das raffinierte raumgestalterische Konzept des Künstlers, der zu den bedeutendsten Schweizer Bildhauern der Gegenwart gehört, unschwer erkennen. 

Die Plastik teilt die angenehme Rostfarbe mit den umliegenden neuen Bauten des Gemeindezentrums. 

Gleichzeitig löst sie den von der strengen Architektur (Paul Steger 1925 – 2020) her gegebenen einseitigen Eindruck von exakten Horizontalen, Vertikalen und rechten Winkeln mit ihren ausschweifenden organischen Rundformen auf. Das Gesamtbild ist eine gedankliche Herausforderung, die der musische Normalverbraucher etwa so formulieren könnte: Technik, Expansion, Wachstum (symbolisiert durch die Bauten) ist für sich allein herzlos und steril. Erst in der Verbindung mit Natur, Mensch, Körper, Kreativität (vertreten durch die Plastik) entsteht ein sinnvolles Ganzes, genannt Leben.

Abenteuerliche Entstehungsgeschichte

Bis dieses eindrückliche Konzept, dieser geglückte Einklang von Architektur und Kunst verwirklicht war, hat es zwei Jahre gedauert. Die Entstehungsgeschichte der Plastik von Max Weiss ist wie das Kunstwerk selbst: abenteuerlich. monumental, ungewöhnlich, zeitweise rätselhaft.

Überspringen wir die selbstverständliche erste Phase der ungezählten Studien und Skizzen, des Baues des ersten Modelles, den mühevollen künstlerischen Prozess des Denkens, Fühlens, Erfindens, Verwerfens und Neubeginnens. 

Als die Gestalt der Plastik feststand, musste Max Weiss sein Atelier im malerischen Tremona (Mendrisiotto) vorerst einmal ausbauen. Viele Freunde halfen ihm dabei. Ohne das neue Dach vor der Künstlerwerkstatt hätte das Gipspositiv der Plastik in Originalgrösse nie gebaut werden können. 

Anhand dieses Positives wurde anschliessend in der bekannten Bronzegiesserei Perseo (Mendrisio) das Negativ, die Gussform, hergestellt. Genauer gesagt: Es waren mehr als zwei Dutzend Einzelnegative, denn die Plastik musste ihrer Grösse wegen, in Einzelteilen gegossen werden.

So wurde sie gegossen

Dieser Guss ist ein faszinierender Vorgang. Das Negativ wird inwendig mit einer Wachsschicht in der Dicke des späteren Gusses ausgepflastert. Auf das Wachs kommt Tonerde, die festgetreten wird. Der riesige Kuchen kommt in einen Ofen, das Wachs schmilzt und läuft durch eingelassene Plastikröhrchen ab, so dass ein unsichtbarer Hohlraum entsteht. In diesen Hohlraum wird die siedend heisse, flüssige Bronze gegossen. 

Später fügten zwei Schweisser die zahlreichen einzelnen Bronzegussstücke nach dem ursprünglichen Plan des Künstlers wieder zusammen. 

Über den Gotthard-Pass

Am Montag (4. Juni 1973) um 15 Uhr wurde die Plastik mit einem Pneukran auf einen Tieflader gehoben; sie wiegt immerhin dreieinhalb Tonnen. 

Am Dienstag (5. Juni 1973) gegen Mittag langte die Kunst-Karawane in Emmenbrücke an, in dem Dorf, wo Max Weiss seine Jugend verbracht hat und wo nun sein bisher bedeutendstes Werk steht. 

Zwei mächtige Pneukrane von Frey und Egle (Schötz) besorgten schnell und sicher den Rest. Der mächtige Ausleger des 70-Tonnen-Krans liftete die Plastik elegant über den Rasen auf festen, gemauerten Grund. 

Dort stand der zweite Kran bereit und schleppte die «Feuerpferde» an ihren Platz. Wenn nicht alles täuscht, besitzt Emmenbrücke jetzt dank der Grosszügigkeit der Firma Anliker, der monumentalen Intuition von Max Weiss und des Geschickes vieler hilfereicher Hände und umsichtiger Köpfe eines der bedeutendsten zeitgenössischen Kunstwerke der Schweiz.

Alle beteiligten Handwerker und Helfer